INTERVIEW PROZECCO

Im Zank-Zine hatten wir vor nicht allzu langer Zeit erstmals in einem kurzen Artikel von dem DJ*-Kollektiv ProZecco gelesen und unsere Lauscherchen direkt in eine Aufmerksame Position aufgerichtet. Ein DJ*-Kollektiv nur aus Frauen*? Das klingt sau interessant und wir dachten uns, es kann sich einfach nur lohnen, direkt in Kontakt zu treten und den aus einem guten Dutzend bestehenden Zusammenschluß aus Dresden selbst mit unseren interessierten Fragen zu durchlöchern. Die ProZeccos waren natürlich sofort am Start und was dabei zu Papier gekommen ist, das erfahrt ihr in den folgenden äußerst aufschlussreichen Zeilen. Let’s go!

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Das Logo lässt erahnen, worum es bzw. was sich bei ProZecco dreht

Könnt ihr euch kurz vorstellen?
ProZecco ist ein DJ*-Kollektiv aus ungefähr zwölf Leuten, welche die Dresdener und sonstige DJ*-Szene ein bisschen aufwirbeln wollen. Wie? Zu allererst natürlich mit guten Sets. Darüber hinaus aber auch mit Selbstbewusstsein und Kick-Ass.

Wie genau ist euer DJ*-Kollektiv entstanden und wie seid ihr zum Namen „ProZecco“ gekommen?
L_Sa hat 2015 angefangen regelmäßig DJ-Workshops in Dresden anzubieten. Diese richten sich vor allem an weiblich* sozialisierte Menschen, weil ihnen oft ein „Hau-Ruck-Zugang“ zu Technik fehlt, also die Selbstverständlichkeit sich technisches Wissen selbst anzueignen oder Menschen aufzutreiben, die ihnen das nahe bringen können. Nach diesen Workshops gab es also eine Gruppe von Frauen*, die es bei dem Stand des Workshops nicht belassen wollten, sondern sich weiter zum Üben und Skillsharing getroffen haben. Mit dem Ziel, sich gegenseitig zu unterstützen, Technik auszuleihen, Strategien gegen dumme Sprüche am DJ*-Pult zu entwickeln usw. ist ProZecco entstanden. Der Name entstand bei einem Griff in den Kühlschrank. Uns gefällt der Bezug zu „Zecke“, also einer zurückeroberten Bezeichnung für linke Aktivist*innen.

Welche Workshops bietet ihr an und wie können wir uns diese vorstellen?
Die Workshops, die von Leuten aus ProZecco angeboten werden, drehen sich entweder um’s Auflegen oder Produzieren. Die Zeit solcher Workshops wird darauf verwendet die Technik zu erklären, einen Eindruck von den Funktionen der Programme zu bekommen und selbst verschiedene Übergänge auszuprobieren, Beats zu bauen, zum remixen oder Basslines von Tracks zu erzeugen. Es geht nicht darum, als Profi aus so einem Workshop herauszugehen, sondern die Hemmung zu verlieren selbst kreativ zu werden und eigene Wege zu einem Set oder Musiktrack zu finden.

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Konfetti-Action & Dancing!

Warum ist es euch wichtig, Workshops nur für Frauen* anzubieten?
Die Atmosphäre während so eines Workshops ist angenehmer, weil unausgesprochen eine Einigkeit über einen gewissen Erfahrungshorizont besteht. Und klar gibt es auch oft Frauen*, die an den Workshops teilnehmen und schon Erfahrungen im Auflegen haben, aber der Umgang mit diesem Wissen ist unterstützender und die Leute haben da dann keinen großen Profilierungsdrang. Da geht es eher um das Miteinander, weniger um das zur Schau stellen der eigenen Skills. Die Praxis solcher Workshops hat gezeigt: Wenn Typen* einen (scheinbaren) Wissensvorsprung haben und den z. B. durch (teils falsch benutzte) Fachausdrücke durchscheinen lassen, steigen weiblich sozialisierte Personen schneller gedanklich aus. Sie vergleichen sich dann direkt mit den Typen*, sind mit dem Klischee „Frauen & Technik“ plus den dazugehörigen Selbstzweifeln konfrontiert und fragen sich gegebenenfalls, ob sie hier am richtigen Ort sind. Das finden wir anstrengend und deshalb haben wir uns entschieden, bei den Workshops Cis-Männer auszuschließen, auch wenn wir natürlich wissen, dass diese Aussagen sehr verallgemeinernd sind und es sicher auch Typen* gibt, deren Verhalten bei einem solchen Workshop nicht abschreckend wirkt. Leider können wir jedoch nicht vor jedem Workshop lange Gespräche mit den Teilnehmer*innen durchführen, weshalb uns erstmal nur die sperrige Kategorie „Geschlecht“ bleibt. Wenn jemand eine andere Idee hat, wie man sichere Lernräume für Frauen* in Bezug auf’s Auflegen herstellen kann: immer her damit!

Was für Reaktionen bekommt ihr im Bezug auf die Workshops und das Kollektiv insgesamt?
Die Workshops sind gefragt und die Reaktionen darauf ziemlich positiv. Das Kollektiv wird mittlerweile in vielem deutschen Städten rezipiert und auch über Deutschland hinweg, z. B. in der Schweiz wahrgenommen. Das liegt bestimmt auch unserer kommunikativen Art mit Leuten in anderen Städten zu connecten. Zu diesem Zweck gibt es nun auch einen Podcast, in dem wir Freund*innen oder DJs bitten, ein Set aufzunehmen. Wir wollen die Aufmerksamkeit, die uns geschenkt wird nutzen, die vielen anderen tollen DJ*s, Kollektive und Projekte in’s Gespräch zu bringen.

Ihr organisiert neben Workshops auch Partys, richtig?
Ja, die erste Partyreihe, die wir mit dem Jugendtanz-Kollektiv, organisiert haben, ist die Unquiet Riot. Es ist ein Format, um den neuen DJs* aus den Workshops eine Bühne und somit einen realen Einstieg in’s Auflegen zu bieten. Das ist großartig, weil es der zweite strukturelle Drehmoment ist, der weiblich sozialisierten Menschen die Hemmung vor dem Auflegen nimmt: 1. Skills, 2. Erfahrung. Niemand wird DJ* ohne Gigs oder ohne sich selbst auszuprobieren. Neben Einsteiger*innen legen hier auch andere ProZeccos auf. Daneben gibt es die con_sequences in der Groovestation, die gerade startet. Dies ist eine Partyreihe, die konzeptueller ist.

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Im Kollektiv wird eng zusammengearbeitet

Welche Genres bedient ihr im Kollektiv?
Kreuz und que(e)r: House, Wave, Techno, Tekno, Trap, Acid, (Post-) Punk, Hip Hop, Italo… Wieso sollten wir uns einschränken?

Ihr agiert hauptsächlich in Dresden. Seid ihr auch in anderen Städten aktiv?
Die meisten ProZeccos sind Dresden based, aber mittlerweile leben auch DJ*s in Leipzig und Göttingen oder touren immer mal wieder nach Bayern oder gerade Luxemburg.

Stichwort Vernetzung – kennt ihr ähnliche Kollektive außerhalb von Dresden und connected ihr euch?
Ähnliche Kollektive sind z. B. Trouble in Paradise, b2b crew, Lumiere bleue, hoe_mies, No Show (IFZ) und No Shade. Mit einigen haben wir schon zusammengearbeitet oder uns ein Pult geteilt. Kollektive wie Disc Woman bewundern wir einfach nur ❤ Die meisten von uns sind auch bei female:pressure, was ein internationales feministisches Netzwerk weiblicher DJ*s, Produzent*innen, VJ*s usw. ist.

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Stabile Sets, stabile Deko

Manche Leute gehen lieber auf Konzerte als auf Partys. Kennt ihr auch Frauen* bzw. feministische Konzertgruppen?
Das queer-feministische Kollektiv böse und gemein organisiert neben Konzerten auch viele tolle Workshops, Vorträge und Performances. Es liegt uns sehr am Herzen, weil sie einfach ultrageilen Scheiß machen, super vernetzt sind und auch wirklich schon eine Menge erreicht haben!

Zusammengefasst, was habt ihr mit dem Kollektiv bereits erreicht und schmiedet ihr schon Pläne für die Zukunft?
Ein Ziel von uns ist ganz klar, weiblich sozialisierte Personen dazu zu ermutigen, das zu tun, worauf sie Bock haben ohne sich an einem männlichen Ideal zu orientieren. In Dresden können wir großartigerweise Räume nutzen und haben andere Kollektive im Rücken, die uns viel Spielraum ermöglichen. Das fühlt sich gut an. Außerdem kann in Dresden nun wirklich niemand mehr davon sprechen, dass es keine nicht-cis-männlichen DJ*s gäbe. Das hat auch vor ProZecco nicht gestimmt, aber durch die Organisation als Kollektiv und das Aufmerksammachen auf die bereits existierenden DJ*s konnte eine andere Sichtbarkeit erreicht werden.

>> ProZecco @ Soundcloud

Interview: xJx / Fotos: ProZecco

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